Machen soziale Medien die Welt sozialer?
Bilanz aus gesellschaftlicher Sicht

1. Hoffnung: Mehr Debatte und mehr „herrschaftsfreier Diskurs“

Dass soziale Medien die Möglichkeiten offener politischer Debatten um zahlreiche Plattformen erweitert und somit insgesamt auch bereichert haben, dürfte unbestritten sein. Die Idee der offenen Debatte und auch des „herrschaftsfreien Diskurses“ geht u.a. davon aus, dass die Inhalte dieser Debatten eben nicht von den Providern, sondern in allererster Linie von den Diskutanten geprägt werden. Daher trifft die sozialen Medien und anderen Bereitsteller von Diskussionsräumen zunächst erst einmal keine zentrale Schuld, wenn sich Diskussionsverläufe und deren Niveau in einer Art entwickeln, die Anlass zu deutlicher Kritik bietet.

Festzuhalten ist: Die Qualität von Debatten wird durch die Bereitstellung von Diskussionsmöglichkeiten nicht automatisch verbessert – allerdings auch nicht durch deren Beschneidung. Es müssen andere, inhaltliche Hebel in Bewegung gesetzt werden, um Debattenkultur zu entwickeln. Hierzu müssen auch Denkbarrieren überwunden werden, wie zum Beispiel diejenige, dass Meinungsfreiheit „missbraucht“ werden könne. Dies ist ein Widerspruch in sich, denn Meinungsfreiheit knüpft sich nicht an bestimmte Inhalte, sondern steht über diesen und gilt allgemein, oder sie gilt nicht. „Herrschaftsfreie Diskurse“ können scheitern und ihre eigentliche Intention ad absurdum führen. Lediglich gelenkte, vorstrukturierte und also unfreie Diskurse können garantieren, dass dies nicht geschieht. Freie Diskurse müssen robust genug sein, dieses Risiko einzugehen.

Die in der ganzen Gesellschaft geführte Diskussion darüber, welche Inhalte zu tolerieren sind und welche nicht, führt zu Unsicherheit und Verwirrung, die natürlich auch Rolle von Social Media beeinflusst – und auch deren Player. Es erscheint häufig unklar, welche Art von Inhalten zu tolerieren sein sollen und welche nicht. Hieraus resultieren immer wieder auch unglückliche konkrete Entscheidungen über den Umgang mit strittigen Darstellungen, die bis hin zu Streichungen oder Löschungen von Beiträgen führen. Hierbei erscheint es irrelevant, ob es sich um soziale oder klassische Medien dreht: Die Problematik ist grundsätzlich dieselbe, und sie wird umso hitziger diskutiert, je mehr sie auch Meinungsäußerungen von Mediennutzern (sei es in eigenen Posts, auf Websites oder in Form von Leserbriefen) betrifft. 

2. Hoffnung: Politische Emanzipation, mehr Mit- und Selbstbestimmung

Im Zusammenhang mit dem Entstehen sozialer Medien entstanden natürlich auch Hoffnungen, diese intensivere und einfacher mögliche Kommunikation werde auch gesellschaftspolitische Konsequenzen haben. Doch wie auch schon bei der Debatte über die Qualität von öffentlicher Kommunikation, so ist auch in der Frage der politischen Emanzipation zu konstatieren, dass diese nicht über Kommunikation allein entsteht. Offene Kommunikationskanäle können in einem Klima hoher politischer und gesellschaftlicher Dynamik Veränderungsprozesse befeuern oder beschleunigen. Dies konnte die Welt beispielsweise im Jahr 2011 in Ägypten beobachten, als die dortigen Unruhen, die zur Absetzung des Staatspräsidenten Mubarak führten, von einigen Kommentatoren überschwänglich als „Facebook-Revolution“ bezeichne wurden.

Nachhaltigkeit und Durchsetzungsstärke politischer Bewegungen bedürfen jedoch weitaus mehr als weit verbreitete Kommunikationskanäle. Weder hat deren Fehlen in der Menschheitsgeschichte Revolutionen und Aufstände verhindert, noch deren Vorhandensein in der modernen Zeit solche ausgelöst. Soziale Medien können genutzt werden – von wem auch immer. Das Gegenstück zur „Facebook-Revolution“ des Arabischen Frühlings liefert die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS): Auch er nutzte soziale Medien sehr geschickt, um Kämpfer und rekrutieren und Angst und Schrecken sowie seine Botschaft zu vertreiben. 

Auch auf individueller Ebene muss die Frage nach dem Einfluss sozialer Medien auf persönliche Selbstbestimmung ambivalent bewertet werden. Natürlich bieten moderne Medien Individuen nie dagewesene Möglichkeiten, die eigene Individualität öffentlich auszudrücken. Im selben Maße ist aber natürlich auch die Gefährdung und die Beeinträchtigung individueller Selbstbestimmtheit möglich. Digitale Kommunikationsüberwachung, Cyber-Mobbing, Lauschangriff und NSA sind nur ein paar der Schlagworte, die in diesem Themenzusammenhang für die Kehrseite der kommunikativen Freiheit stehen. Auch in der privaten Nutzung sozialer Medien führen Fehlverhalten und auch Ungeübtheit und Naivität dazu, dass aus der großen Freiheit schnell eine persönliche Katastrophe werden kann. 

Das spielerische, oftmals ungewollte und leichtfertige Verwischen der Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre birgt Probleme und Risiken, die bereits Unterrichtsstoff geworden sind. Die hierdurch entstandene Unsicherheit hat nicht nur zu berechtigter Vorsicht und Zurückhaltung im Umgang mit sozialen Medien geführt, sondern teilweise auch zu hysterischen Überreaktionen. Davon können jugendliche Cyber-Mobbing-Opfer genauso Geschichten erzählen wie der Bistums-Pressesprecher, der wegen eines flapsigen Twitter-Kommentars seinen Job verlor.