Die Zukunft des Fernsehens liegt in noch mehr Fernsehen



Der britische Finanzjournalist und Blogger Felix Salmon beschreibt in einem Kommentar für wired.com ein ehrgeiziges, milliardenschweres TV-Projekt, das dem klassischen Fernsehen das Wasser abgraben soll - und warum es wahrscheinlich scheitern wird.

Hollywood-Produzent Jeffrey Katzenberg entdeckte die TV-Welt: Mit seinem Start-up NewTV, einem Abo-Video-Streamingdienst mit geplantem Start Ende 2019, konnte er kürzlich eine erste Finanzierungsrunde im Ausmaß von gut einer Milliarde US-Dollar lukrieren und mit Meg Whitman (Ex-Chefin von eBay und HP) eine äußerst erfahrene CEO gewinnen. Das ist natürlich beeindruckend, dennoch ist NewTV ein kleiner Fisch im großen Teich der mobilen TV-Dienste und schon gar der klassischen TV-Anbieter. Alleine Netflix gibt jährlich rund 12 Mrd. US-Dollar aus, um den TV-Sendern die Stirn zu bieten. Und diese erwiesen sich in der Vergangenheit - dem Höhenflug digitaler Spendings zum Trotz - erstaunlich widerstandsfähig gegenüber jeglichen Versuchen, sowohl Zuschauer als auch Werbebudgets zu alternativen Angeboten abfließen zu lassen. Für Finanzjournalist Salmon hat dies mehrere triftige Gründe.

Zunächst zeigt das Businessmodell TV anstandslose Stabilität: Lineares Fernsehen wird von einer geradezu schwindelerregenden Zahl von Amerikanern konsumiert - und sie zeigen sich nicht im Entferntesten unzufrieden mit dem Angebot. Laut aktueller Zahlen von Marktforscher Nielsen verbringen die US-Bürger 45 Minuten täglich mit social networking, Videos (Youtube, Netflix und Co.) werden 25 Minuten pro Tag auf den verschiedensten Devices geschaut. Aber sie verbringen 4 Stunden und 46 Minuten täglich vor dem TV-Gerät - das sind 21 Minuten mehr also noch vor einem halben Jahr. Und damit spannt sich der Bogen zu einem Milliardengeschäft: Der Werbewirtschaft.

Werbetreibende Unternehmen geben gut 70 Mrd. Dollar jährlich für TV-Spots aus, und das auf stabilem Niveau. Während die Werbe-Dollars massiv aus Print abgezogen werden, fließen sie erstaunlich ungerührt vom digitalen Geschäft ins TV. Die Verlagerung von Print zu Online war einfach: ein Artikel in online-Form ist schneller, billiger und leichter verfügbar als sein Print-Pendant. TV ist schwieriger zu ersetzen: es ist ein lean-back Medium, mit dem man gerne "abhängen" könne - es ginge um Unterhaltung und nicht um bloße Info. Und diese sei schwieriger zu ersetzen als die Info-Funktion von Print.
Nirgendwo sonst können Unternehmen ihre Zielgruppen besser erreichen als vor dem Bildschirm, kann man doch dieselbe Zuschauerzahl mit ein und derselben Botschaft hundertfach erreichen - ohne dass sie sich gestört fühlen. Dieses gleichzeitige Erreichen macht TV unersetzbar, wenn es um Markenbildung geht.
Der Wert für die Markenbildung ist derzeit noch das große Fragezeichen bei Streamingdiensten, speziell beim Projekt NewTV, mutmaßt Journalist Salmon.

Bei der Entwicklung von TV-Spots kann man sich beispielsweise die Zeit nehmen, eine Story in 30 Sekunden zu erzählen. In einer Medienwelt, die short-form Content anbietet (und in der sich eben auch NewTV bewegen will), sind 30 Sekunden eine kleine Ewigkeit. Zuschauer seien bei derart kurzen Inhalten nicht bereit, Zeit - und vor allem Aufmerksamkeit - für Werbung zu opfern!

Details finden Sie im Original-Artikel:

» The Future of Television Is … More Television





Foto: © Tracy Thomas/www.unsplash.com